Taking care of your image.

Chris Marxen | Headshot Fotograf


#1 - “Ach, ich bin total unfotogen!”

Nur in dem Moment in dem Du es denkst, bist Du es.

“Ach, ich bin total unfotogen!” Wie oft hört man diesen Satz, sobald jemand eine Kamera zückt, und ich erlaube mir einmal zu behaupten, dass ich ihn öfter höre als Du. Welches Thema würde sich nun besser eignen einen Blog zu beginnen, als dieses geflügelte Wort “Fotogenität”, mit dem man als Portrait und Headshot Fotograf täglich konfrontiert wird.
Ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, wann wir einen anderen Menschen als fotogen wahrnehmen und wie, wann und warum wir diese Entscheidung über uns selbst fällen, und ob hierbei dieselben Prozesse ablaufen, oder ob es eine Lücke zwischen der Wahrnehmung Anderer uns gegenüber, unserer Wahrnehmung Anderen gegenüber und unserer Selbstwahrnehmung gibt.
Der gern thematisierten “Formel für Fotogenität”, unter anderem zitiert in Büchern mit dem Titel: “Nutella hat Lichtschutzfaktor 9,7 - die volle Dosis unnützes Wissen”, werde ich mich aus hoffentlich offensichtlichen Gründen (der Titel des Buches sollte hier genügen) nicht widmen. Stattdessen möchte ich mich mit der emotionalen Seite von Fotogenität beschäftigen und letztendlich mit der Frage ob sie für jeden erlernbar ist.

Wer oder was kann überhaupt fotogen sein?

Ein vielleicht zuerst banal erscheinender Gedanke war und ist für mich immer, wer oder was denn überhaupt fotogen sein kann? Denken wir je darüber nach ob unser Essen, wenn wir es mal wieder fotografieren um unseren Freunden zu zeigen was es schönes gibt, oder unsere Haustiere fotogen sind? Ich wage zu behaupten, der Gedanke liegt fern. Lässt sich das Phänomen also eher auf uns Menschen eingrenzen? Selbst da bin ich persönlich kritisch. Wer denkt schon in dieser Kategorie, beim knipsen seiner Kinder oder der Uroma. Auch eher selten. Als Umkehrschluss sei erlaubt, nur die, die sich darum scheren, wie sie in Fotos aussehen, denken überhaupt in “fotogen” oder “unfotogen”. Wie werden nun die von ihrer Umwelt wahrgenommen, die es selbst nicht kümmert? Vielleicht als fotogen? Uroma freut sich über ihre Familie, über Besuch und Zuwendung, und natürlich auch, wenn man sie fotografiert während dieser schönen Zeit. Die kleine Tochter spielt mit dem Hund der Nachbarn, tolles Motiv, gleich ein Foto machen, jeder freut sich darüber, von Fotogenität keine Rede.

Der unbeobachtete Moment.

Im Zusammenhang mit dem Satz “Ach, ich bin total unfotogen!” oder umgekehrt über einen Dritten auch gern genommen - “WOW, der ist aber auch fotogen!” folgt zumeist die ‘Erkenntnis’, “Ich mag mich ja nur auf Fotos, wo ich nicht wusste, dass ich fotografiert wurde.” (In einem Fotostudio schwer zu realisieren aber ganz und gar nicht unmöglich. Genau genommen meine Spezialität!) In dieser Aussage liegt nun eigentlich schon verschlüsselt die Antwort wie man fotogen werden kann, aber adressieren wie erstmal die unbekannten Wahrheiten, die diese Aussage beinhaltet.

#1 - Kameraunsichtbarkeit -
In Bildern in denen wir nicht wussten, dass wir geknipst werden, sind wir selten direkt von vorn zu sehen und nie mit Blick in die Kamera.
#2 - Spiegelung der emotionalen Umgebung -
In Fotos in denen wir uns mögen, agieren oder reagieren wir meist aus einer emotionalen Situation heraus, die aus allem bestehen kann, nur nicht fotografiert zu werden. Wir spiegeln vielleicht gerade einen anderen Menschen, weil er uns anlacht oder etwas interessantes erzählt, oder sind einfach nur selig, weil die Sonne scheint.
#3 - selektive Wahrnehmung auf ganzer Linie -
Vielleicht mögen wir uns in Bildern lieber in denen wir nicht wussten, dass wir fotografiert wurden aber nur, weil wir sie einmal öfter behalten und sie uns damit einprägen. Genauso oft jedoch passiert folgendes: “Ich habe ein Foto von dir gemacht. - Oh Gott! Das musst du gleich löschen. Ich seh’ ja schrecklich aus. - Echt!? Finde ich überhaupt nicht.” Das Foto wird dann zumeist mit wenig Verständnis für diese Feststellung gelöscht und damit vergessen. Was mich auch gleich zum vorerst letzten Punkt meiner Analyse bringt.

Unsere Spiegelbeziehung.

Der absolute Haupt- und Top Grund, warum andere uns auf Bildern mögen auf denen wir uns nicht ausstehen können ist die Tatsache, dass wir eine Spiegelbeziehung mit uns selbst führen. Der bei den meisten von uns tägliche Blick in den Spiegel ist eine horizontal gespiegelte Lüge. In echt sehen wir nicht so aus sondern eben andersherum. Das mag auf den ersten Blick ein marginaler Unterschied sein ist es aber für unser Unterbewusstsein nicht. Unsere beiden Gesichtshälften sind bekanntermaßen nicht gleich sondern unterschieden sich in komplexen Kleinigkeiten oder wie ich auch gern sage, in kleinen Komplexigkeiten. In einem Foto ist das allerdings nicht der Fall. Es zeigt einen eingefangenen Augenblick der Wirklichkeit, so wie uns unsere Familie, Freunde und jeder der uns kennt, täglich sieht. Alle. Außer wir. Da muss man sich erstmal dran gewöhnen. Was auch der erste Schritt zum Erlernen der Fotogenität ist.


Wie man fotogener werden kann.

#1 - Gewöhn' Dich an Dich -
Aber so, wie Du “richtig herum” aussiehst. Also in Fotos, nicht im Spiegel. Das Phänomen der Spiegelbeziehung wird schon bald nur noch rudimentär sein. Mit jedem Selfie, das wir von uns machen, gewöhnen wir uns selbst diese Selbstwahrnehmungslücke ab. Dummerweise trainieren wir uns eine neue an. Nämlich das verzerrte, aufgeblasene Bild der klitzekleinen Fischaugenkameras, die in den Smartphone Frontkameras eingebaut sind. Hier ist also auch Vorsicht geboten, was die “Echtheit” der Abbildung angeht. Lieber von jemand anderem, aus etwas Entfernung knipsen lassen.
#2 - Vergiss die kleinen Komplexigkeiten -
Nur Du siehst und denkst “Mein Gesicht ist so rund.” , “Diese eine Falte stört mich schon immer.” oder “Meine Nase ist zu spitz.” Kein Anderer außer Dir sieht das oder bewertet es als so viel schwerwiegender als Du.
Erst wenn du darauf hinweist, nehmen es andere überhaupt erst wahr. Die Devise: OWN IT!
Was es auch ist, es gehört zu Dir und ist ein Teil von Dir. Es definiert nicht was andere von Dir sehen oder denken. Was Du über Dich denkst, ist alles was zählt.

OWN IT!

#3 - Vertausche Ursache und Wirkung nicht -
Nicht umsonst sagt man, die Augen sind der Spiegel der Seele. Jede Emotion, ob gut oder schlecht, kann man in den Augen lesen, und wir alle können es von Geburt an. Man kann natürlich sein Wohlbefinden und seine Emotionswelt oft nicht zu 100% kontrollieren aber allein das Bewusstsein darüber, dass hier einer der Hauptunterschiede zwischen fotogen und unfotogen liegt, sollte einen neuen Denkprozess in Gang setzten. Gedanken wie “Ich bin unfotogen.” oder “Hoffentlich sehe ich nicht so dick aus.” beim Anblick einer Kamera, übersetzten sich eins zu eins in das Bild. Uns missfällt das Foto dann nicht, weil wir “...dick aussehen.”, sondern weil wir dies beim Blick in die Kamera bereits befürchtet haben. In einem Foto ist auch immer das Gefühl festgehalten, das wir empfanden, als der Moment in der Zeit eingefroren wurde. Schau Dir ein altes Foto von Dir an und Du wirst fühlen, was Du in diesem Moment gefühlt hast. Deswegen machen wir Fotos.
Deswegen lieben wir Fotos.
#4 - Leb’ den Moment -
Warum steht Uroma weiter oben im Text über den Dingen, wenn es um Ihre Fotogenität geht? Weil es ihr schlicht egal ist. Sie ist im Moment. Ihre Emotionen sind bei Ihrer Familie, bei dem Glück und der Geborgenheit die sie gerade empfindet.

#Geheimtipp - Die Kamera ist auch nur ein Mensch -
Ein Mensch, der irgendwann das Foto anschaut. Entscheide Dich ob Du beim Blick in die Kamera in einen schwarzen Kasten aus Plastik und Metall guckst, oder ob Du den Menschen auf der anderen Seite des Fotos anschaust.
Ein Blick in eine Kamera ist ein Blick in die Zukunft bei dem Du bestimmen kannst, wie andere Dich sehen.

Für die Härtefälle

Natürlich gebe ich zu, dass es wie bei allem im Leben Härtefälle gibt, und wer den Begriff Fotogenität gegoogelt hat und dadurch auf diesen Artikel gestoßen ist, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sich direkt zu einem dieser zählt, aber lass Dir versichern, ich mache ein Foto von Dir in dem auch DU Dir gefällst ;)

Bis bald und danke für’s Interesse,
Chris